Der Tausendsassa
Betrachtet man Edgar Cayces Lebens- und Leidensweg, so fällt auf, dass er ein wahrer Tausendsassa war. Er arbeitete in vielen verschiedenen Branchen und verfügte über zahlreiche außergewöhnliche Gaben. Der auf einem Bauernhof aufgewachsene Edgar blieb sein ganzes Leben lang der Natur eng verbunden. Er hatte den sprichwörtlichen grünen Daumen, und in seinem Garten in Virginia Beach grünte und blühte es mit wahrer Pracht.
Der jugendliche Edgar stellte bald fest, dass er nur auf seinen Büchern schlafen musste, um ihren gesamten Inhalt zu kennen und zu behalten. Dank seines fotografischen Gedächtnisses konnte er sich auch Jahre nach seiner Schulzeit noch an alle Inhalte genau erinnern!
Als seine Familie in die nahe gelegene Stadt Hopkinsville zog, erwies er sich in seiner Stellung als Buchverkäufer als wahrer Verkaufsmagnet, der sich schnell an den gehobenen gesellschaftlichen Umgang gewöhnte. Sein Charme und seine Überzeugungskraft faszinierten seine spätere Frau Gertrude Evans, in die er sich Hals über Kopf verliebte.
Nachdem er seine Stelle im Buchgeschäft verloren hatte, arbeitete er zunächst als Schuhverkäufer, auch dies mit großem Erfolg. Da er jedoch lieber mit Büchern arbeitete, suchte und fand er eine Stelle bei einem großen Buchversand in der Großstadt. Er verblüffte seine Mitarbeiter damit, dass er den gesamten Katalog auswendig kannte. Kein Wunder – er hatte vorher darauf geschlafen!
In der Großstadt lernte er die reiche Erbin Margaret kennen und schätzen. Hier offenbarte sich eine Seite, die seiner Frau noch oft Kummer bereiten sollte: Edgar übte auf Frauen eine starke Anziehungskraft aus. War es sein Charme, seine Zurückhaltung, seine ausgesuchte Höflichkeit?
Da er Gertrude treu bleiben wollte, hielt er es für besser, Margaret nicht wiederzusehen, und nahm eine Stelle als Versicherungsvertreter bei seinem Vater an, die ihm aber nicht gefiel. Trotzdem hatte er dank seiner großen Überzeugungskraft viel Erfolg. Nachdem er jedoch vor Überanstrengung zusammengebrochen war und aus diesem Grund viele Monate lang nur ein heißeres Flüstern herausbrachte, musste er sich nach einer anderen Stelle umschauen. Ein Bekannter bot ihm eine Lehrstelle als Fotograf an, wo er nicht viel sprechen musste. Obwohl Edgar zunächst nicht begeistert war, nahm er an und entwickelte sich zu einem echten Könner, der in Zukunft mehrere Auszeichnungen für seine Fotos erhalten sollte.
Anfang des 20. Jahrhunderts betrieb er eigenverantwortlich mehrere Fotostudios in verschiedenen Städten und gewann überall Anerkennung. Er erfand sogar ein Gesellschaftsspiel, das ein großer Verkaufserfolg war (von dem er aber selbst nichts sah, da er versäumt hatte, sich das Urheberrecht zu sichern).
Wo die Familie auch hinkam, schloss sie sich der örtlichen Gemeinde ihrer Glaubensgemeinschaft an. Dort war Edgar immer hoch angesehen. Stets unterrichtete er eine Bibelklasse, die mancherorts so beliebt war, dass ihr auch Mitglieder anderer Gemeinschaften beitraten. Da er die Bibel seit seiner Kindheit in- und auswendig kannte und sich immer für sie einsetzte, waren seine Vorträge so mitreißend und seine Begeisterung für die Sache Gottes so offensichtlich, dass viele seiner Schüler später in die Mission gingen.
In dem Maße jedoch, in dem er seine außergewöhnlichste Gabe – die Fähigkeit, in Trance Menschen Hilfestellung zu geben – als Gottesgeschenk zu akzeptieren begann, wuchs auch sein Wunsch, den Menschen aktiv bei der Umsetzung seiner Ratschläge zu helfen. Um Geld für ein Krankenhaus aufzutreiben, fuhr er mit einem Freund nach Texas, um Öl zu suchen, gründete sogar, zusammen mit einigen Bekannten, eine Ölfirma. Da jedoch nicht alle am gleichen Strang zogen, fand die Unternehmung nach mehreren Jahren ein unrühmliches Ende. Öl wurde nicht gefunden.
Edgar, inzwischen besessen von der Idee des Krankenhauses, nahm die Einladung eines potenziellen Förderers an und strandete mit seiner Familie und der gerade neu eingestellten Sekretärin Gladys im kalten Dayton, Ohio. Hier hielt er sich und seine Familie notdürftig mit „Readings“, wie seine Trance-Vorträge inzwischen genannt wurden, über Wasser. Das Fotostudio war aufgegeben worden. Obwohl sein Helfer Konkurs anmelden musste, fand sich bald ein anderer Unterstützer, der sich von Edgars Readings fasziniert zeigte: Der New Yorker Börsenmakler Morton Blumenthal bot an, die Finanzierung des Krankenhauses zu übernehmen und befürwortete auch den in den Readings empfohlenen Ort (Virginia Beach, Virginia).
1925 zogen die Cayces mitsamt Sekretärin nach Virginia Beach um. 1928 wurde das Krankenhaus eröffnet und Edgars Traum ging in Erfüllung. Da das Krankenhaus jedoch nicht gewinnbringend arbeitete und Edgar mit Geld nicht umgehen konnte, musste es schon 1931 im Zuge der Weltwirtschaftskrise, die auch an seinem großen Förderer Blumenthal nicht spurlos vorüberging, wieder schließen.
Im Sommer 1931 gründete Edgar zusammen mit Freunden und Familie die „Association for Research and Enlightenment“, die sich der Erforschung und Weitergabe der Lehren aus den Readings widmen sollte.
Während all dieser Jahre sollten sich weitere „übersinnliche“ Gaben bei Edgar zeigen. Sein Sohn Hugh Lynn und einige seiner engsten Mitarbeiter erklärten übereinstimmend, er könne Gedanken lesen. Sicher ist jedoch, dass er die Aura, also das Energiefeld, das jedem Menschen zu Eigen ist, wahrnehmen und deuten konnte, ja, sogar anhand dessen detaillierte Angaben über Verletzungen oder organische Störungen zu geben vermochte. Außerdem brauchte er ein Buch nur aufschlagen, um den gesamten Inhalt zu kennen. In dem Maße, in dem er sich spirituell weiterentwickelte, zeigten sich seine seherischen Fähigkeiten auch immer mehr im Wachzustand.
Angesichts des Leides, mit dem er während des zweiten Weltkrieges tagtäglich durch Briefe und Besucher konfrontiert wurde, ließ er sich nicht davon abbringen, mehr Readings zu geben, als gut für ihn war. Stur beharrte er darauf, so vielen Menschen wie möglich helfen zu wollen. Diese Hingabe forderte ihren Tribut. Im September 1944 erlitt er einen Schlaganfall, am 3. Januar schließlich starb er an einem Lungenödem. Sein bewegtes Leben hatte ein Ende gefunden.

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