Wenn ich mir Fotos vom jungen Edgar anschaue, so fällt mir als Erstes sein gedankenvoller, etwas hochmütiger Gesichtsausdruck auf. Fast könnte ich glauben, dass er hinter diesem Ausdruck seine Schüchternheit verbergen wollte (was ihm aber nicht gelang). Spätere Aufnahmen, vor allem aus den dreißiger und vierziger Jahren, zeigen einen selbstbewussten, beherrschten, dennoch entspannten Menschen. Ich meine aber, auch den leidenschaftlichen Menschen erblicken zu können, der sich hinter seinem bewusst ruhigen Auftreten verbarg. Auf einigen Fotos nimmt mich Edgars offenes, warmherziges Lächeln gefangen, das oft zu einem herzhaften Lachen wurde. Er lachte gerne und fühlte sich in Gesellschaft anderer ausgesprochen wohl. Niemals wies er einen Besucher ab, mochte er noch so ungelegen kommen. Für jeden nahm er sich Zeit, hatte ein offenes Ohr für seine Sorgen, bemühte sich, ihm zu helfen. Solche Besuche genoss er regelrecht. Übereinstimmend berichten Besucher, seine Menschenliebe sei fast mit der Hand greifbar gewesen. Einer seiner Mitarbeiter meinte sogar, er habe Menschen praktisch gesammelt und sich herzlich an ihnen erfreut.
Freunden und Verwandten zufolge strahlte Edgar etwas Kraftvolles aus. Alle, die ihn kennen lernten, waren von seiner Willensstärke und Risikobereitschaft, aber auch von seiner Impulsivität überrascht. Wie er mehrfach in seinem Leben bewiesen hatte, konnte er alles stehen und liegen lassen, um etwas ganz Neues anzufangen. Dies wirkte sich gelegentlich verhängnisvoll aus, so zum Beispiel, als er gegen den Willen seiner Frau sein Fotostudio in Selma, Alabama, verkaufte und seine ganze Familie mitsamt Sekretärin in eine ungewisse Zukunft nach Dayton, Ohio, mitnahm. War er von einer Sache überzeugt, so stürzte er sich mit Schwung in die Arbeit. Edgars scharfer Verstand leistete ihm dabei gute Dienste, obwohl er ihn gleichzeitig auch hemmte, wenn er mit den Unwegsamkeiten des Lebens konfrontiert wurde. Dann marterte er sich mit Selbstzweifeln und Selbstvorwürfen, konnte sich über Kleinigkeiten aufregen, machte sich Sorgen, und rechnete voller Angst mit dem Schlimmsten.
Seine Mitarbeiter und auch seine Familie konnten ein Lied davon singen, wie unduldsam Edgar in diesen Zeiten war. Bei hoher Arbeitsbelastung war er rastlos und herrisch, dann musste alles nach seinem Willen gehen. Wenn ihm etwas nicht passte, konnte er sehr schroff werden und seine Mitarbeiter gehörig abkanzeln. Einmal hatte er im Affekt seine Sekretärin gefeuert, nur um ihr kurze Zeit später einen Brief zum Abtippen zu überreichen, als ob nichts geschehen wäre. Das war seine Art der Entschuldigung, denn es fiel ihm schwer, sich mit Worten zu entschuldigen.
Dass Edgar keine Führungsqualitäten besaß, zeigte sich spätestens bei der Eröffnung des von ihm so sehnlich herbeigewünschten Krankenhauses in Virginia Beach. Ihm war die Leitung dieses Krankenhauses anvertraut worden, doch Berichten zufolge war er nicht in der Lage, Arbeiten zu delegieren. Keiner konnte es ihm gut genug machen. Überall mischte er sich ein, auch in Dinge, von denen er gar nichts verstand. Außerdem war er nicht in der Lage, die Angestellten zur produktiven Zusammenarbeit zu bewegen. Von Personalpolitik und praktischer Verwaltung, ganz zu schweigen von Geldsachen, hatte er nicht die geringste Ahnung.
Als das Krankenhaus aufgrund zahlreicher Probleme 1931 schließen musste, war er völlig gebrochen und monatelang depressiv. Später schrieb er: „Niemand kann sich vorstellen, wie sehr es schmerzte, wie sehr es noch immer schmerzt. Ich bin sicher, dass ich falsch an die Sache herangegangen bin. Ich ... schreibe alles meinem eigenen, sehr kläglichen Versagen zu und gebe niemandem als mir die Schuld für den Misserfolg. ... Ich wurde mir der Zeiten der Enttäuschungen und Niedergeschlagenheit bewusst und fragte mich schließlich, ob ich denn wirklich alles falsch gemacht hatte?“
Im Laufe der Jahre hatte Edgar viele harte Rückschläge und Enttäuschungen hinnehmen müssen. Kein Wunder, dass er in diesen Zeiten in tiefe Depressionen verfiel, aus denen ihn nur sein fester Glaube und der Halt in seiner Familie wieder herausholen konnten. Er wusste, dass er sich auf seine Familie bedingungslos verlassen konnte.
Bei allen Fehlern und trotz vieler Zweifel war ihm durchaus bewusst, welche Leistung er Tag für Tag vollbrachte, und er hatte im Laufe der Zeit ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein entwickelt. Kam jemand mit Ideen oder Vorstellungen, die mit seinen eigenen Überzeugungen nicht übereinstimmten, so lehnte er rundheraus ab. Gleichzeitig bemühte er sich jedoch, bescheiden und demütig aufzutreten, gerade weil er sich seiner negativen Charakterzüge nur allzu deutlich bewusst war. Er wehrte sich gegen jede Art von Verehrung und betrachtete seine Fähigkeit nur als ein Gnadengeschenk. Das Gebet war ihm dabei Trost und Stütze. Seine Beziehung zu Gott war ihm immer am wichtigsten.
Diese wurde in der Tat oft auf eine harte Probe gestellt. Von früher Kindheit an hatte er eine ganz persönliche Bindung zu „seinem“ Gott aufgebaut. Die Bibel war ihm zeitlebens die liebste Lektüre, die ihm den Weg zu mehr Gottesnähe wies. Seine unbestreitbare Autorität (derer er sich erst nach und nach bewusst wurde) kam ihm als Lehrer von Sonntagsschul- und Bibelklassen zugute, die er, bildlich gesehen, mit seinen packenden Darstellungen der biblischen Geschichte zu fesseln verstand. Der feste Glaube an Gott und die Überzeugung, dass Wunder und Visionen nicht nur in biblischen Zeiten gang und gäbe waren, halfen ihm bei seinem inneren Ringen um die eigene Anerkennung seiner ungewöhnlichen Fähigkeit. Es ist für niemanden leicht, anders zu sein und von anderen verspottet oder mit Missachtung bzw. Misstrauen betrachtet zu werden. Der empfindsame Edgar litt darunter besonders. Auch für ihn selbst war seine Gabe etwas Befremdliches, und da er während der Readings nicht bei Bewusstsein war, spürte er oft den Drang, sich von anderen Menschen ihren Wert versichern zu lassen. Mit seinem so ausgeprägt kritischen Verstand zog er seine Gabe bei allem Vertrauen in Gott auch in späteren Jahren immer wieder in Zweifel.
Hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, ein ganz normales Leben mit Frau und Kindern zu führen und dem Bedürfnis, das zu tun, was er für Gottes Wille hielt, erschütterten ihn sein Leben lang immer wieder starke Emotionen. Immer neigte er zu Extremen. Ängste, Mitleid, Freude, Erregung, Selbstmitleid, Empörung konnten sich bei ihm in schneller Folge abwechseln. Oft lief er Gefahr, dass seine hohen intellektuellen Fähigkeiten, die er trotz seiner beschränkten Schulbildung besaß, durch all diese Erfahrungen in den Hintergrund gerieten, wenn er sich nicht zusammennahm.
Schwer war es für Edgar auch, mit der Bewunderung umzugehen, die ihm Tag für Tag entgegengebracht wurde. Er wehrte sich dagegen, zum Kultobjekt zu werden. Er reagierte darauf, indem er sich betont bescheiden gab, obwohl er oft in Versuchung war, sich dieser Bewunderung hinzugeben, besonders, wenn sie von Frauen kam. Dem weiblichen Geschlecht gegenüber war Edgar stets sehr aufgeschlossen, doch die Verehrung, die ihm mitunter von diesem entgegengebracht wurde, war ihm zuweilen äußerst unangenehm. So reagierte er häufig reserviert und zog sich zurück, bevor etwas „Gefährliches“ in Gang kommen konnte.
Ablenkung von seiner Arbeit und seinen Sorgen fand er bei der Gartenarbeit, beim Fischen und beim Bowling. Hier konnte er sich ganz seinen Neigungen hingeben. Die Menschen, die seine Bibelklassen besuchten, schenkten ihm ebenfalls viel Kraft, da sie um seiner selbst willen kamen, um von ihm zu lernen. Auch diese Tätigkeit und diese Menschen gaben ihm immer wieder den Mut, sich Tag für Tag in Trance zu versetzen.
Edgars Sohn Hugh Lynn erklärte nach dem Tod seines Vaters: „Das wahre Wunder ist doch nicht, dass mein Vater Readings gab. Das wahre Wunder ist, dass mein Vater, mit all seinen Schwierigkeiten und nervlichen Belastungen, niemals aufhörte, Readings zu geben.“